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 Joachim Ringelnatz’ Gedichte
- Hier finden Sie zunächst 60 Gedichte von Joachim Ringelnatz
in alphabetischer Reihenfolge. Später werden die Gedichte, Erzählungen und Sprüche nach Büchern und Erscheinungsdatum sortiert.
kostenloses Hörbuch mit Gedichten Ringelnatz’
Abendgebet einer erkälteten Negerin Abschied der Seeleute Am Barren An einem Teiche An M. An meinen Lehrer Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vom dem Wilberforcemonument Arm Kräutchen Aus meiner Kinderzeit
Bist du schon auf der Sonne gewesen? Bumerang Das Schlüsselloch Der Bücherfreund Der Glückwunsch Der letzte Weg Der Komiker Der sächsische Dialekt Die Ameisen Die Frau mit der Reiherfeder Die Kartenlegerin Die neuen Fernen Die Schnupftabaksdose Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu Ein Nagel saß in einem Stück Holz Ein männlicher Briefmark erlebte Ein Pflasterstein, der war einmal Ein Taschenkrebs und ein Känguruh Es war ein Brikett, ein großes Genie Es war ein Stahlknopf irgendwo Fußball (nebst Abart und Ausartung) Gedicht in Bi-Sprache Genau besehn Großer Vogel Hafenkneipe Heimatlose Ich habe dich so lieb Im Park Kindergebetchen Lampe und Spiegel Liebesbrief Logik Morgenwonne Nach dem Gewitter Nachtschwärmen Nie bist du ohne Nebendir Oh, rief ein Glas Burgunder Ohrwurm und Taube Ruf zum Sport Schenken Seepferdchen Segelschiffe Sich interessant machen Silvester Stammbuchvers Überall Übergewicht Vom Seemann Kuttel Daddeldu Vorbei ist das Fasten Was die Irre sprach Wie mag er aussehen? Zu einem Geschen
Abschied der Seeleute
Chor der Seeleute:
Wir Fahrensleute Lieben die See. Die Seemannsbräute Gelten für heute, Sind nur für to-day.
Die Mädchen, die weinen, Sind schwach auf den Beinen. Was schert uns ihr Weh ! Das Weh, ach das legt sich. Unsre Heimat bewegt sich Und trägt uns in See, Far-away.
Chor der Mädchen:
Wir, die Bräute Der Fahrensleute, Lieben und küssen, Doch wissen, sie müssen Zur Seefahrt zurück.
Und wenn sie ertrinken, Dann - wissen wir - winken Uns andre zum Glück.
An einem Teiche
An einem Teiche Schlich eine Schleiche, Eine Blindschleiche sogar. Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind. Die Schleiche sah nicht was es war, Denn sie war blind.
Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche Einer Blindschleiche. nach oben
An meinen Lehrer
Ich war nicht einer deiner guten Jungen. An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat Und manches wohlgedachte Wort zersprungen. Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.
Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens An meinem Bau geformt und dich gemüht. Du hast die besten Werte meines Lebens Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.
Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue. Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken. Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken. nach oben
Arm Kräutchen
Ein Sauerampfer auf dem Damm stand zwischen Bahngeleisen, machte vor jedem D-Zug stramm, sah viele Menschen reisen.
Und stand verstaubt und schluckte Qualm, schwindsüchtig und verloren, ein armes Kraut, ein schwacher Halm, mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahen. Der arme Sauerampfer sah Eisenbahn um Eisenbahn, sah niemals einen Dampfer. nach oben
Aus meiner Kinderzeit
Vaterglückchen, Mutterschößchen, Kinderstübchen, trautes Heim, Knusperhexlein, Tante Rös'chen Kuchen schmeckt wie Fliegenleim.
Wenn ich in die Stube speie Lacht mein Bruder wie ein Schwein Wenn er lacht, haut meine Schwester, Wenn sie haut, weint Mütterlein.
Wenn die weint, muß Vater fluchen. Wenn er flucht, trinkt Tante Wein Trinkt sie Wein, schenkt sie mir Kuchen: Wenn ich Kuchen kriege, muß ich spein. nach oben
Der Bücherfreund
Ob ich Biblio- was bin? Phile? "Freund von Büchern" meinen Sie? Na, und ob ich das bin! Ha! und wie!
Mir sind Bücher, was den anderen Leuten Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel, Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten. Meine Bücher --- wie beliebt? Wieviel?
Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl. Bitte, doch mich auszureden lassen. Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal Halb imstande ist zu fassen.
Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben --- Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.
Oh, ich mußte meine Bücherei, Wenn ich je verreiste, stets vermissen. Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei, Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.
Ja natürlich auch vom künstlerischen Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken So nach Gold und Lederton zu mischen, Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.
Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen Meine ungeheure Leidenschaft, Pflanzen fürs Herbarium zu pressen. Bücher lasten, Bücher haben Kraft.
Junger Freund, Sie sind recht unerfahren, Und Sie fragen etwas reichlich frei. Auch bei andern Menschen als Barbaren Gehen schließlich Bücher mal entzwei.
Wie ? - ich jemals auch in Büchern lese?? Oh, sie unerhörter Ese--- Nein, pardon! - Doch positus, ich säße Auf dem Lokus und Sie harrten Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur Ja nicht länger auf mich warten. Denn der Lokus ist bei mir ein Garten, Den man abseits ohne Zeit und Uhr Düngt und erntet dann Literatur.
Bücher - Nein, ich bitte Sie inständig: Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren! Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig Handsigniert sind, soll man hochverehren.
Bücher werden, wenn man will, lebendig. Über Bücher kann man ganz befehlen. Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen, Und die Seelen können sich nicht wehren. nach oben
Der Komiker
Ein Komiker von erstem Rang Ging eine Straße links entlang. Die Leute sagten rings umher Hindeutend: Das ist der und der! Der Komiker fuhr aus der Haut Nach Haus und würgte seine Braut. Nicht etwa wie von ungefähr, Nein ernst, als ob das komisch wär. nach oben
Segelschiffe
Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch Und über sich Wolken und Sterne. Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch mit Herrenblick in die Ferne.
Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand Wie trunkene Schmetterlinge. Aber sie tragen von Land zu Land Fürsorglich wertvolle Dinge.
Wie das im Wind liegt und sich wiegt, Tauwebüberspannt durch die Wogen, Da ist eine Kunst, die friedlich siegt, Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.
Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. - Natur gewordene Planken Sind Segelschiffe. - Ihr Anblick erhellt Und weitet unsre Gedanken. nach oben
Ich habe dich so lieb
Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken Eine Kachel aus meinem Ofen Schenken.
Ich habe dir nichts getan. Nun ist mir traurig zu Mut. An den Hängen der Eisenbahn Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei - verjährt - Doch nimmer vergessen. Ich reise. Alles, was lange währt, Ist leise.
Die Zeit entstellt Alle Lebewesen. Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Wir können nicht bleiben.
Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache An einem Sieb.
Ich habe dich so lieb. nach oben
Genau besehn
Wenn man das zierlichste Näschen Von seiner liebsten Braut Durch ein Vergrößerungsgläschen Näher beschaut, Dann zeigen sich haarige Berge, Daß einem graut. nach oben
Bumerang
War einmal ein Bumerang; War ein Weniges zu lang. Bumerang flog ein Stück, Aber kam nicht mehr zurück. Publikum - noch stundenlang - Wartete auf Bumerang. nach oben
Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vom dem Wilberforcemonument
Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn. Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn? Wer ich bin? -Sie meinen, wie ich heiße? Liebes Kind, ich werde Sie belügen, Denn ich schenke dir drei Pfund. Denn ich küsse niemals auf den Mund. Von uns beiden bin ich der Gescheitre. Doch du darfst mich um drei weitre Pfund betrügen. Glaube mir, liebes Kind: Wenn man einmal in Sansibar Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war, Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar Die Menschen sind. Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe Wie bei Peter dem Großen L'honneur.- Übrigens war ich -(Schenk mir das gelbe Band!)- in Altona an der Elbe Schaufensterdekorateur.- Hast du das Tuten gehört? Das ist Wilson Line. Wie? Ich sei angetrunken? O nein, nein! Nein! Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört. Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert. Wie du mißtrauisch neben mir gehst! Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen. Ich weiß: Du wirst lachen. Ich weiß: Daß sie dich auch traurig machen. Obwohl du sie gar nicht verstehst. Und auch ich - Du wirst mir vertrauen - später in Hose und Hemd. Mädchen wie du haben mir immer vertraut. Ich bin etwas schief ins Leben gebaut. Wo mir alles rätselvoll ist und fremd, Da wohnt meine Mutter. -Quatsch! Ich bitte dich: Sei recht laut! Ich bin eine alte Kommode. Oft mit Tinte oder Rotwein begossen; Manchmal mit Fußtritten geschlossen. Der wird kichern, der nach meinem Tode Mein Geheimfach entdeckt.- Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!
Ich bin auch nicht richtig froh. Ich habe auch kein richtiges Herz. Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk. Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo Im Muschelkalk. nach oben
Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen, Die wollten nach Australien reisen. Bei Altona auf der Chaussee, Da taten ihnen die Beine weh, Und da verzichteten sie weise Dann auf den letzten Teil der Reise. nach oben
Die Kartenlegerin
Das Schiff war schon im Hafen leck. Man besserte an dem Schaden. Das Schiff hatte Fässer geladen Und Passagiere im Zwischendeck. Mittags stieg eine Negerin In das Matrosenlogis. Sie wäre Kartenlegerin, Bedeutet sie. "Two shillings" - oder ein Kleidungsstück, Sie zeigt auf wollene Sachen. So eine weiss manchmal, wie man sein Glück Kann machen. Sie reden voreinander dumm, Gaben der Alten zu saufen, Drückten ihr lachend am Busen herum Und liessen sie dann laufen. Nachts hockte die alte, schwarze Kuh An Deck zwischen Fässern und Tauen. Vor ihr lag Kuttel Daddeldu Dienstmüde und dachte an Frauen. Da legte die Kartenlegerin Die Karten, die ihn betrafen, An Deck und murmelte vor sich hin. Kuttel war eingeschlafen. Sie murmelte Worte in den Wind. Das Schiff fing an zu rollen. Das Schiff und die Menschen darauf sind Verschollen. nach oben
Gedicht in Bi-Sprache
Ibich habibebi dibich, Lobittebi, sobi liebib. Habist aubich dubi mibich Liebib? Neibin, vebirgibib. Nabin obidebir febirn, Gobitt seibi dibir gubit. Meibin Hebirz habit gebirn Abin dibir gebirubiht. nach oben
Liebesbrief
So kann es nun nicht weitergehn! Das, was besteht, muß bleiben. Wenn wir uns wieder wiedersehn, Muß irgendetwas geschehn. Was wir dann auf die Spitze treiben. Was - was auf einer Spitze tut? Gewiß nicht Plattitüden. Denn was auf einer Spitze ruht, Wird nicht so leicht ermüden. Auf einer Bank im Grunewald Zu zweit im Regen sitzen, Ist blöd. Mut, Mädchen! Schreibe bald! Dein Fritz! (Remember Spitzen). nach oben
Hafenkneipe
In der Kneipe 'Zum Südwester' Sitzt der Bruder mit der Schwester Hand in Hand.
Zwar der Bruder ist kein Bruder, Doch die Schwester ist ein Luder Und das braune Mädchen stammt aus Feuerland.
In der Kneipe 'Zum Südwester' Ballt sich manchmal eine Hand, Knallt ein Möbel an die Wand.
Doch in jener selben Schenke Schäumt um einfache Getränke Schwer erkämpftes Seemannsglück. Die Matrosen kommen, gehen. Alles lebt vom Wiedersehen. Ein gegangener Gast sehnt sich zurück.
Durch die Fensterscheibe aber träumt ein Schatten Derer, die dort einmal Oder keinmal Abenteuerliche Freude hatten. nach oben
Kniebeuge
Kniee - beugt! Wir Menschen sind Narren. Sterbliche Eltern haben uns einst gezeugt. Sterbliche Wesen werden uns später verscharren. Schäbige Götter, wer seid ihr? und Wo? Warum lasset ihr uns nicht länger so Menschlich verharren? Was ist denn Leben? Ein ewiges Zusichnehmen und Vonsichgeben. - Schmach euch, ihr Götter, daß ihr so schlecht uns versorgt, Daß ihr uns Geist und Würde und schöne Gestalt nur borgt. Eure Schöpfung ist Plunder, Das Werk sodomitischer Nachtung. Ich blicke mit tiefster Verachtung Auf euch hinunter. Und redet mir nicht länger von Gnade und Milde! Hier sitze ich; forme Menschen nach meinem Bilde. Wehe euch, Göttern, wenn ihr uns drüben erweckt! Beine streckt! nach oben
Morgenwonne
Ich bin so knallvergnügt erwacht. Ich klatsche meine Hüften. Das Wasser lockt. Die Seife lacht. Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks Und gratuliert mir zum Baden. Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs Betiteln mich "Euer Gnaden".
Aus meiner tiefsten Seele zieht Mit Nasenflügelbeben Ein ungeheurer Appetit Nach Frühstück und nach Leben. nach oben
An M.
Der du meine Wege mit mir gehst, Jede Laune meiner Wimper spürst, Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst - Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?
Wenn ich tot bin darfst du gar nicht trauern. Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen Und dich segnen.
Lebe, lache gut! Mache deine Sache gut! nach oben
Kindergebetchen
Erstes
Lieber Gott, ich liege Im Bett. Ich weiß, ich wiege Seit gestern fünfunddreißig Pfund. Halte Pa und Ma gesund.
Ich bin ein armes Zwiebelchen, Nimm mir das nicht übelchen.
Zweites
Lieber Gott, recht gute Nacht, Ich hab noch schnell Pipi gemacht, Damit ich von dir träume. Ich stelle mir den Himmel vor Wie hinterm Brandenburger Tor Die Lindenbäume.
Nimm meine Worte freundlich hin, Weil ich schon so erwachsen bin.
Drittes
Lieber Gott mit Christussohn, Ach schenk mir doch ein Grammophon. Ich bin ein ungezognes Kind, Weil meine Eltern Säufer sind. Verzeih mir, daß ich gähne. Beschütze mich in der Not,
Mach meine Eltern noch nicht tot Und schenk der Oma Zähne. nach oben
Seepferdchen
Als ich noch ein Seepferdchen war, Im vorigen Leben, Wie war das wonnig, wunderbar Unter Wasser zu schweben. In den träumenden Fluten Wogte, wie Güte, das Haar Der zierlichsten aller Seestuten Die meine Geliebte war. Wir senkten uns still oder stiegen, Tanzten harmonisch umeinand, Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand, Wie Wolken sich in Wolken wiegen. Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn Auf dass ich ihr folge, sie hasche, Und legte mir einmal im Ansichziehn Eierchen in die Tasche. Sie blickte traurig und stellte sich froh, Schnappte nach einem Wasserfloh, Und ringelte sich An einem Stengelchen fest und sprach so: Ich liebe dich! Du wieherst nicht, du äpfelst nicht, Du trägst ein farbloses Panzerkleid Und hast ein bekümmertes altes Gesicht, Als wüsstest du um kommendes Leid. Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnass! Wann war wohl das? Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen? Es ist beinahe so, dass ich weine - Lollo hat das vertrocknete, kleine Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen nach oben
Logik
Die Nacht war kalt und sternenklar, da trieb im Meer bei Norderney ein Suahelischnurrbarthaar - die nächste Schiffsuhr wies auf drei.
Mir scheint da mancherlei nicht klar: man fragt doch, wenn man Logik hat, Was sucht ein Suahelihaar denn nachts um drei am Kattegatt? nach oben
Großer Vogel
Die Nachtigall ward eingefangen, Sang nimmer zwischen Käfigstangen. Man drohte, kitzelte und lockte. Gall sang nicht. Bis man die Verstockte In tiefsten Keller ohne Licht Einsperrte. - Unbelauscht, allein Dort, ohne Angst vor Widerhall, Sang sie Nicht - -, Starb ganz klein Als Nachtigall. nach oben
Nie bist du ohne Nebendir
Eine Wiese singt. Dein Ohr klingt. Eine Telefonstange rauscht.
Ob du im Bettchen liegst Oder über Frankfurt fliegst, Du bist überall gesehn und belauscht.
Gonokokken kieken. Kleine Morcheln horcheln. Poren sind nur Ohren. Alle Bläschen blicken.
Was du verschweigst, Was du andern nicht zeigst, Was dein Mund spricht Und deine Hand tut, Es kommt alles ans Licht. Sei ohnedies gut. nach oben
Im Park
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum still und verklärt wie im Traum. Das war des Nachts elf Uhr zwei. Und dann kam ich um vier Morgens wieder vorbei.
Und da träumte noch immer das Tier. Nun schlich ich mich leise - ich atmete kaum - gegen den Wind an den Baum, und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips. Und da war es aus Gips. nach oben
Fußball (nebst Abart und Ausartung)
Der Fußballwahn ist eine Krank- Heit, aber selten, Gott sei Dank. Ich kenne wen, der litt akut An Fußballwahn und Fußballwut. Sowie er einen Gegenstand In Kugelform und ähnlich fand, So trat er zu und stieß mit Kraft Ihn in die bunte Nachbarschaft. Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel, Ein Käse, Globus oder Igel, Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar, Ein Kegelball, ein Kissen war, Und wem der Gegenstand gehörte, Das war etwas, was ihn nicht störte. Bald trieb er eine Schweineblase, Bald steife Hüte durch die Straße. Dann wieder mit geübtem Schwung Stieß er den Fuß in Pferdedung. Mit Schwamm und Seife trieb er Sport. Die Lampenkuppel brach sofort. Das Nachtgeschirr flog zielbewußt Der Tante Berta an die Brust. Kein Abwehrmittel wollte nützen, Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen, Noch Puffer außen angebracht. Er siegte immer, 0 zu 8. Und übte weiter frisch, fromm, frei Mit Totenkopf und Straußenei. Erschreckt durch seine wilden Stöße, Gab man ihm nie Kartoffelklöße. Selbst vor dem Podex und den Brüsten Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten, Was er jedoch als Mann von Stand Aus Höflichkeit meist überwand. Dagegen gab ein Schwartenmagen Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen. Was beim Gemüsemarkt geschah, Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah. Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen Durch Publikum wie wilde Bienen. Da sah man Blutorangen, Zwetschen An blassen Wangen sich zerquetschen. Das Eigelb überzog die Leiber, Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber. Kartoffeln spritzten und Zitronen. Man duckte sich vor den Melonen. Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse. Dann donnerten die Kokosnüsse. Genug! Als alles dies getan, Griff unser Held zum Größenwahn. Schon schäkernd mit der U-Bootsmine Besann er sich auf die Lawine. Doch als pompöser Fußballstößer Fand er die Erde noch viel größer. Er rang mit mancherlei Problemen. Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen? Dann schiffte er von dem Balkon Sich ein in einem Luftballon. Und blieb von da an in der Luft. Verschollen. Hat sich selbst verpufft. – Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, Vor dem Gebrauch des Fußballwahns! nach oben
Ruf zum Sport
Auf ihr steifen und verdorrten Leute aus Büros, Reißt euch mal zum Wintersporten Von den Öfen los.
Bleiches Volk an Wirtshaustischen, Stellt die Gläser fort. Widme dich dem freien, frischen, Frohen Wintersport.
Denn er führt ins lodenfreie Gletscherfexlertum Und bedeckt uns nach der Reihe All mit Schnee und Ruhm.
Doch nicht nur der Sport im Winter, Jeder Sport ist plus, Und mit etwas Geist dahinter Wird er zum Genuß.
Sport macht Schwache selbstbewußter, Dicke dünn, und macht Dünne hinterher robuster, Gleichsam über Nacht.
Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine, Kürzt die öde Zeit, Und er schützt uns durch Vereine Vor der Einsamkeit,
Nimmt den Lungen die verbrauchte Luft, gibt Appetit; Was uns wieder ins verrauchte Treue Wirtshaus zieht.
Wo man dann die sporttrainierten Muskeln trotzig hebt Und fortan in illustrierten Blättern weiterlebt. nach oben
Silvester
Daß bald das neue Jahr beginnt, Spür ich nicht im geringsten. Ich merke nur: Die Zeit verrinnt Genauso wie zu Pfingsten,
Genau wie jährlich tausendmal. Doch Volk will Griff und Daten. Ich höre Rührung, Suff, Skandal, Ich speise Hasenbraten.
Mit Cumberland, und vis-Ã -vis Sitzt von den Krankenschwestern Die sinnlichste. Ich kenne sie Gut, wenn auch erst seit gestern.
Champagner drängt, lügt und spricht wahr. Prosit, barmherzige Schwester! Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr! Rasch! Prosit! Prost Silvester!
Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt In heimlichen Geweben. Wenn heute nacht ein Jahr beginnt, Beginnt ein neues Leben. nach oben
Nachtschwärmen
Die alte Pappel schauert sich neigend, Als habe das Leben sie müde gemacht. Ich und mein Lieb – hier ruhen wir schweigend – Und vor uns wallt die drückende Nacht. Bis sich zwei schöne Gedanken begegnen, – Dann löst sich der bleierne Wolkenhang. Goldene, sprühende Funken regnen Und füllen die Welt mit lustigem Klang. Ein trüber Nebel ist uns zerronnen. Ich lege meine in deine Hand. Mir ist, als hätt ich dich neu gewonnen. – Und vor uns schimmert ein goldenes Land. nach oben
Übergewicht
Es stand nach einem Schiffsuntergange Eine Briefwaage auf dem Meeresgrund. Ein Walfisch betrachtete sie bange, Beroch sie dann lange, Hielt sie für ungesund, Ließ alle Achtung und Luft aus dem Leibe, Senkte sich auf die Wiegescheibe Und sah - nach unten schielend - verwundert: Die Waage zeigte über Hundert. nach oben
Nach dem Gewitter
Der Blitz hat mich getroffen. Mein stählerner, linker Manschettenknopf ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf summt es, als wäre ich besoffen.
Der Doktor Berninger äußerte sich darüber sehr ungezogen: Das mit dem Summen wär' typisch für mich, das mit Blitz wär' erlogen. nach oben
Ein Nagel saß in einem Stück Holz
Ein Nagel saß in einem Stück Holz. Der war auf seine Gattin sehr stolz. Die trug eine goldene Haube Und war eine Messingschraube.
Sie war etwas locker und etwas verschraubt, Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt. Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm In einem Astloch. Sie wurden intim.
Kurz, eines Tages entfernten sie sich Und ließen den armen Nagel im Stich. Der arme Nagel bog sich vor Schmerz. Noch niemals hatte sein eisernes Herz So bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinah verrostet. Da aber kehrte sein früheres Glück, Die alte Schraube, wieder zurück. Sie glänzte übers ganze Gesicht. Ja, alte Liebe, die rostet nicht! nach oben
Die Schnupftabaksdose
Es war eine Schnupftabaksdose Die hatte Friedrich der Große Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz. Und darauf war sie natürlich stolz.
Da kam ein Holzwurm gekrochen. Der hatte Nußbaum gerochen Die Dose erzählte ihm lang und breit. Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.
Sie nannte den alten Fritz generös. Da aber wurde der Holzwurm nervös Und sagte, indem er zu bohren begann "Was geht mich Friedrich der Große an!" nach oben
Ein männlicher Briefmark erlebte
Ein männlicher Briefmark erlebte Was Schönes, bevor er klebte. Er war von einer Prinzessin beleckt. Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen, Da hat er verreisen müssen. So liebte er sie vergebens. Das ist die Tragik des Lebens! nach oben
Bist du schon auf der Sonne gewesen?
Bist du schon auf der Sonne gewesen? Nein? - Dann brich dir aus einem Besen Ein kleines Stück Spazierstock heraus Und schleiche dich heimlich aus dem Haus Und wandere langsam in aller Ruh Immer direkt auf die Sonne zu.
So lange, bis es ganz dunkel geworden. Dann öffne leise dein Taschenmesser, Damit dich keine Mörder ermorden. Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst, Dann ist es fürs erstemal schon besser, Daß du dich wieder nach Hause schleichst. nach oben
Die neuen Fernen
In der Stratosphäre, Links vom Eingang, führt ein Gang (Wenn er nicht verschüttet wäre) Sieben Kilometer lang Bis ins Ungefähre.
Dort erkennt man weit und breit Nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit. Wenn man da die Augen schließt Und sich langsam selbst erschießt,
Dann erinnert man sich gern An den deutschen Abendstern. nach oben
Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu
Die Springburn hatte festgemacht Am Peterskai. Kuttel Daddeldu jumpte an Land, Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht Und am Zollwächter vorbei. Er schwenkte einen Bananensack in der Hand. Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten. Wenn er es wagte, ihn anzuhalten. Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden. Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden. Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere, denn sie stammte aus Bayern. Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre, Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern. Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakeeler, Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: "Hallo old sailer!" Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden, Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden. Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri Und sagte: "Da nimm, du Affe!" Daddeldu sagte nie "Sie". Er hatte auch Wanzen und eine Masse Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht. Aber nun sangen die Gäste "Stille Nacht, Heilige Nacht". Und da schenkte er jeden Gast eine Tasse Und behielt für die Braut nur noch drei. Aber als er sich später mal drauf setzte, Gingen auch diese versehentlich noch entzwei, Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte. Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt. Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold. Und das Mädchen steckte ihm Christkonfekt Still in die Taschen und lächelte hold. Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt. Daddeldu dachte an die wartende Braut. Aber es hatte nicht sein gesollt, Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut. Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.
Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum. Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete, Kam eine Marmorplatte geschwirrt, Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt. Und die See ging hoch und der Wind wehte. Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase (Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße. Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie: "Sie Daddel Sie!" Und links und rechts schwirrten die Kolibri. Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen. Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh. Draußen stand Daddeldu Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen. Da trat aus der Tür seine Braut Und weinte laut: Warum er so spät aus Honolulu käme? Ob er sich gar nicht mehr schäme? Und klappte die Tür wieder zu An der Tür stand: "Für Damen". Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen, Und stolperten über den schlafenden Daddeldu. nach oben
Vom Seemann Kuttel Daddeldu
Eine Bark lief ein in Le Haver, Von Sidnee kommend, nachts elf Uhr drei. Es roch nach Himbeeressig am Kai, Und nach Hundekadaver. Kuttel Daddeldu ging an Land. Die Rü Albani war ihm bekannt. Er kannte nahezu alle Hafenplätze. Weil vor dem ersten Hause ein Mädchen stand, Holte er sich im ersten Haus von dem Mädchen die Krätze. Weil er das aber natürlich nicht gleich empfand,
Ging er weiter - kreuzte topplastig auf wilder Fahrt. Achtzehn Monate Heuer hatte er sich zusammengespart. In Nr. 6 traktierte er Eiwie und Kätchen, In 8 besoff ihn ein neues, straff lederbusiges Weib. Nebenan bei Pierre sind allein sieben gediegene Mädchen Ohne die mit dem Zelluloid-Unterleib. Daddeldu, the old Seelerbeu Kuttel, Verschenkte den Albatrosknochen, Das Haifischrückgrat, die Schals, Den Elefanten und die Saragossabuttel. Das hatte er eigentlich alles der Mary versprochen, Der anderen Mary; das war seine feste Braut. Daddeldu - Hallo! Daddeldu, Daddeldu wurde fröhlich und laut. Er wollte mit höchster Verzerrung seines Gesichts Partu einen Niggersong singen Und "Blu beus blu". Aber es entrang sich ihm nichts. Daddeldu war nicht auf die Wache zu bringen. Daddeldu Duddel Kuttelmuttel, Katteldu erwachte erstaunt und singend morgens um vier Zwischen Nasenbluten und Pomm de Schwall auf der Pier. Daddeldu bedrohte zwecks Vorschuß den Steuermann. Schwitzte den Spiritus aus. Und wusch sich dann. Daddeldu ging nachmittags wieder an Land, Wo er ein Renntiergeweih, eine Schlangenhaut, Zwei Fächerpalmen und Eskimoschuhe erstand. Das brachte er aus Australien seiner Braut. nach oben
Abendgebet einer erkälteten Negerin
Ich suche Sternengefunkel. Sonne brennt mich dunkel. Sonne drohet mit Stich. Warum brennt mich die Sonne im Zorn? Warum brennt sie gerade mich? Warum nicht Korn?
Ich folge weißen Mannes Spur. Der Mann war weiß und roch so gut. Mir ist in meiner Muschelschnur So neglige zu Mut.
Kam in mein Wigwam Weit über das Meer, Seit er zurückschwamm, Das Wigwam Blieb leer.
Drüben am Walde Kängt ein Guruh - - Warte nur balde Kängurst auch du. nach oben
Heimatlose
Ich bin fast Gestorben vor Schreck: In dem Haus, wo ich zu Gast War, im Versteck, Bewegte sich, Regte sich Plötzlich hinter einem Brett In einem Kasten neben dem Klosett, Ohne Beinchen, Stumm, fremd und nett Ein Meerschweinchen. Sah mich bange an, Sah mich lange an, Sann wohl hin und sann her, Wagte sich Dann heran Und fragte mich: "Wo ist das Meer?" nach oben
Lampe und Spiegel
"Sie faule, verbummelte Schlampe!" sagte der Spiegel zur Lampe. "Sie altes, schmieriges Scherbenstück!" gab die Lampe dem Spiegel zurück.
Der Spiegel in seiner Erbitterung bekam einen ganz gewaltigen Sprung. Der zornigen Lampe verging die Puste: Sie fauchte, rauchte, schwelte und ruste.
Das Stubenmädchen ließ beide in Ruhe und doch - man schob ihr die Schuld in die Schuhe. nach oben
Ohrwurm und Taube
Der Ohrwurm mochte die Taube nicht leiden. Sie haßte den Ohrwurm ebenso. Da trafen sich eines Tages die beiden in einer Straßenbahn irgendwo.
Sie schüttelten sich erfreut die Hände und lächelten liebenswürdig dabei und sagten einander ganze Bände von übertriebener Schmeichelei.
Doch beide wünschten sie sich im stillen, der andre möge zum Teufel gehn, und da es geschah nach ihrem Willen, so gab es beim Teufel ein Wiedersehn. nach oben
Wie mag er aussehen?
Wer hat zum Steuerbogenformular den Text erfunden? Ob der in jenen Stunden, da er dies Wunderwirr gebar, wohl ganz --- oder total --- war?
Du liest den Text. Du sinnst. Du spinnst. Du grinst - "Welch Rinds" - Und du beginnst wieder und wieder. Eisigkalt kommt die Vision dir "Heilanstalt".
Für ihn? Für dich? - Dein Witz erblaßt. Der Mann, der jenen Text verfaßt, was mag er dünkeln oder wähnen? Ahnt er denn nichts von Zeitverlust und Tränen?
Wir kommen nicht auf seine Spur. Und er muß wohl so sein und bleiben. Auf seinen Grabstein sollte man nur den Text vom Steuerbogen schreiben. nach oben
Am Barren
Deutsche Frau, dich ruft der Barrn, Denn dies trauliche Geländer Fördert nicht nur Hirn und Harn, Sondern auch die Muskelbänder, Unterleib und Oberlippe. Sollst, das Hüftgelenk zu stählen, Dich im Knickstütz ihm vermählen. Deutsches Weib, komm: Kippe, kippe!
Deutsche Frau, nun laß dich wieder Ellengriffs im Schwimmhang nieder. So, nun Hackenschluß! Und schwinge! Schwinge! Hurtig um den Leib! Oh, es gibt noch wundervolle Dinge. Rolle rückwärts! Rolle! Rolle rückwärts, deutsches Weib!
Deutsche Jungfrau, weg das Armband! In die Hose! Aus dem Rocke! Aus dem Streckstütz in den Armstand, Nur die Flanke. Sehr gut! Danke! Deutsches Mädchen- Hocke, Hocke!
Mußt dich keck emanzipieren Und mit kindlichem "Ätsch-Ätsche" Über Männer triumphieren, Mußt wie Bombe und Kartätsche Deine Kräfte demonstrieren. Deutsches Mädchen- Grätsche! Grätsche! nach oben
Was die Irre sprach
Wir armen Schizophrenen! Wir sind nur ein Begriff. Wir lassen uns endlos dehnen. Aber es war ein englisches Schiff.
Ich weiß, Sie möchten was fragen; Seien Sie ruhig ganz streng zu mir. Sie sind nur glücklich, und ein Tier - Muß man treten und schlagen.
Die Blicke sind selbstverständlich Bei Kapitänen Befehle. Ich habe auch Eure Seele, Aber - die Schwester lügt. Sie lügt schändlich.
Vielleicht ist Hingeben Schande. Kein Tier weiß, was es redlich tut. So wahr er tausend Meter vom Lande - Amen - im Wasser ruht.
Nein danke! Ich bin nicht müde. Oder spreche ich Ihnen zu viel? - Die Quintessenz der Güte Liegt schließlich nicht im Peitschenstiel. Er hebt oder senkt die Blüte. - Nun aber genug im grausamen Spiel. Sie haben doch recht! Ich bin müde.
Living or dead - Mir riecht sich das gleich. Aber wären sie englisch ersoffen, Sie kämen vielleicht auch ins Himmelreich. - Amen. - Wir wollen es hoffen. - Jetzt ist er zum ersten Male weich.
Sehen Sie nur: Wie der Oberarzt schaut? Er soll viel strenger zu mir sein. Ich bin doch allein. Weil ich ein Schwein Bin. Ich bin eine Seemalmsbraut Tausend Meter vom Lande. - Die Schwester hält das für Schande.
Ihr schmutziges Volk! Euer Captain ist fort. - Nie wieder die Stiefel lecken muß. Ja, führt mich hinaus! Wir treffen uns dort. - Wo Anfang ist, da ist auch ein Schluß. Weil Ihr uns um unser freieres Sehnen Beneidet. - Hier fragt sich: Wer führt das Wort? Ihr armen Schizophrenen. nach oben
"Oh", rief ein Glas Burgunder
"Oh", rief ein Glas Burgunder, "Oh Mond, du göttliches Wunder! Du gießt aus silberner Schale Das liebestaumelnde, fahle, Trunkene Licht wie sengende Glut Hin über das nachtigallene Land --"
Da rief der Mond, indem er verschwand: "Ich weiß, ich weiß! Schon gut! Schon gut!" nach oben
Sich interessant machen (für einen großen Backfisch)
Du kannst doch schweigen? Du bist doch kein Kind Mehr! - Die Lederbände im Bücherspind Haben, wenn du die umgeschlagenen Deckel hältst, Hinten eine kleine Höhlung im Rücken. Dort hinein mußt du weichen Käse drücken. Außerdem kannst du Käsepfropfen Tief zwischen die Sofapolster stopfen:
Lasse ruhig eine Woche verstreichen. Dann mußt du immer traurig herumschleichen. Bis die Eltern nach der Ursache fragen. Dann tu erst, als wolltest du ausweichen, Und zuletzt mußt du so stammeln und sagen: "Ich weiß nicht, - ich rieche überall Leichen - ."
Deine Eltern werden furchtbar erschrecken Und überall rumschnüffeln nach Leichengestank, Und dich mit Schokolade ins Bett stecken. Und zum Arzt sage dann: "Ich bin seelenkrank."
Nur laß dich ja nicht zum Lachen verleiten. Deine Eltern - wie die Eltern so sind - Werden bald überall verbreiten: Du wärst so ein merkwürdiges, interessantes Kind. nach oben
Schenken
Schenke groß oder klein, Aber immer gediegen. Wenn die Bedachten Die Gaben wiegen, Sei dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei. Schenke dabei Was in dir wohnt An Meinung, Geschmack und Humor, sodaß die eigene Freude zuvor Dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, Daß dein Geschenk Du selber bist. nach oben
Überall
Überall ist Wunderland Überall ist Leben Bei meiner Tante im Strumpfenband wie irgendwo daneben. Überall ist Dunkelheit Kinder werden Väter. Fünf Minuten später stirbt sich was für einige Zeit. Überall ist Ewigkeit.
Wenn Du einen Schneck behauchst Schrumpft er ins Gehäuse, Wenn Du ihn in Kognak tauchst, Sieht er weiße Mäuse. nach oben
Stammbuchvers
So an ein Stammbuch hingezerrt hat man Verdruß. Man fühlt sich aufs Klosett gesperrt Obwohl man garnicht muß.
Denn mancher Gast will weitergehn Und will nichts stehen lassen Und seine Klexe ungesehen Nur werfen, wo sie passen. nach oben
Vorbei ist das Fasten
Kameraden, vorbei ist das Fasten, Ich sehe den Leuchtturm durchs Glas. Schon flattern um unsere Masten Die Möwen. Im Wasser schwimmt Gras.
Schon steigen die Türme vom Hafen Wie Kräuterkäse grün aus dem Grau. Old sailorboys, heute nacht schlafen Wir alle an Land bei der Frau. Vielleicht tanzen wir heute Und saufen soviel uns behagt. Wir haben als Fahrensleute Solang dem Vergnügen entsagt. nach oben
Zu einem Geschenk
Ich wollte Dir was dedizieren Nein, schenken; was nicht zuviel kostet, Aber was aus Blech ist, rostet Und die Messinggegenstände oxydieren. Und was kosten soll es eben doch. Denn aus Mühe mach ich extra noch Was auch hinzu, auch kleine Witze. Wär' bei dem, was ich besitze, Etwas Altertümliches dabei Doch was nützt Dir meine Lanzenspitze! An dem Bierkrug sind die beiden Löwenköpfe schon entzwei Und den Buddha mag ich selber leiden. Und du sammelst keine Schmetterlinge Die mein Freund aus China mitgebracht. Nein das Sofa und so große Dinge Kommen überhaupt nicht in Betracht. Außerdem gehören sie nicht mir. Ach, ich hab' die ganze letzte Nacht Rumgegrübelt, was ich Dir Geben könnte. Schlief deshalb nur eine Allerhöchstens zwei von sieben Stunden, Und zum Schluß hab' ich doch nur dies kleine Lumpige beschißne Ding gefunden. Aber gern hab ich für dich gewacht. Was ich nicht vermochte, tu du's: Drücke du Nun ein Auge zu. Und bedenke Daß ich Dir fünf Stunden Wache schenke. Laß mich auch in Zukunft nicht in Ruh. nach oben
Das Schlüsselloch
Das Schlüsselloch, das im Haupttor saß, Erlaubte sich nachts einen Spaß. Es nahten Studenten Mit Schlüsseln in Händen. Da dachte das listige Schlüsselloch: Ich will mich verstecken, Um sie zu necken! Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch. Alsbald nun tasteten die Studenten Suchend, Fluchend; Mit Händen An Wänden. Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter. Schlüsselloch lachte heiter.
(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer. Eigentlich war die Sache noch schlimmer. Ich selbst war nämlich bei den Studenten - Doch lassen wir es dabei bewenden.) nach oben
Der Glückwunsch
Ein Glückwunsch ging ins neue Jahr, Ins Heute aus dem Gestern. Man hörte ihn sylvestern. Er war sich aber selbst nicht klar, Wie eigentlich sein Hergang war Und ob ihn die Vergangenheit Bewegte oder neue Zeit. Doch brachte er sich dar, und zwar Undeutlich und verlegen.
Weil man ihn nicht so ganz verstand, So drückte man sich froh die Hand Und nahm ihn gern entgegen. nach oben
Der letzte Weg
"Ich gehe ins Wasser," sagte sie leis, "Ade!" Du hast es gut mit mir gemeint. So weiß ich einen, der um mich weint. Hab Dank!" Ich aber sah ihr tiefes Weh Und küsste sie, die arm und krank, Und sagte: "Geh!" nach oben
Der sächsische Dialekt
Wenn man den sächsischen Dialekt Ein bisschen dehnt und ein bisschen streckt Und spricht ihn noch ein bisschen tran'ger; Dann hält ein jeder für einen Spanier! nach oben
Die Frau mit der Reiherfeder
Ich weiß nicht genau, Warum ich so oft an die bleiche Frau Mit der weißen Reiherfeder denke, Mich immer in den Gedanken versenke: Wie könnte es werden, wie würde es sein, Wäre sie dein. - - Ich weiß es nicht und frage vergebens. Sie ist auf dem bunten Wege des Lebens Irgendwo still an mir vorüber gegangen, Die schöne Frau mit den bleichen Wangen. Sie hat mich mit kalten Blicken gemessen; Wir haben kein einziges Wort getauscht, Doch sie hat mich mit fremdem Zauber berauscht, Dass ich sie nimmer werde vergessen. Etwas wie sehnende, nagende Glut Will mir das pochende Herz zerreißen; Denk ich der bleichen Frau mit der weißen, Wehenden Reiherfeder am Hut. nach oben
Ein Pflasterstein, der war einmal
Ein Pflasterstein, der war einmal Und wurde viel beschritten. Er schrie: "Ich bin ein Mineral Und muss mir ein für allemal Dergleichen streng verbitten!"
Jedoch den Menschen fiel's nicht ein, Mit ihm sich zu befassen, Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein Und muss sich treten lassen. nach oben
Ein Taschenkrebs und ein Känguruh
Ein Taschenkrebs und ein Känguruh, Die wollten sich ehelichen. Das Standesamt gab es nicht zu, Weil beide einander nicht glichen.
Da riefen sie zornig: "Verflucht und verdammt Sei dieser Bürokratismus!" Und hingen sich auf vor dem Standesamt An einem Türmechanismus nach oben
Es war ein Brikett, ein großes Genie
Es war ein Brikett, ein großes Genie, Das Philosophie studierte Und später selbst an der Akademie Im gleichen Fache dozierte.
Es sprach zur versammelten Briketterie: "Verehrliches Auditorium, Das Leben - das Leben - beachten Sie - Ist nichts als ein Provisorium."
Da wurde als ketzerisch gleich verbannt Der Satz mit dem Provisorium. Das arme Brikett, das wurde verbrannt In einem Privatkrematorium. nach oben
Es war ein Stahlknopf irgendwo
Es war ein Stahlknopf irgendwo, Der ohne Grund sein Knopfloch floh. (Vulgär gesprochen: Es stand offen.) Ihm saß ein Fräulein vis-à -vis. Das lachte plötzlich: Hi hi hi. Da fühlte sich der Knopf getroffen Und drehte stumm Sich um.
Solch Peinlichkeiten sind halt nur Die schlimmen Folgen der Natur. nach oben
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